Glückssplitter: Mein Kaleidoskop

 

Von wem ich die kleine, mit buntem Papier überklebte Kartonröhre zum Hineingucken bekam, weiss ich nicht mehr. Vielleicht war es sogar nur Tand vom Markt, den ich mir aus zusammengespartem Geld gekauft hatte. Jedenfalls war das Kaleidoskop für mich das Schönste, Geheimnisvollste, das ich je besass. Die Magie der modernen Medien stand mir als Kind nämlich nicht zur Verfügung. Nicht einmal einen Fernseher hatten wir, - nein, falsch: Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gab! - Mit dem Kaleidoskop konnte ich in eine fremde Zauberwelt voller Glanz und Glitter eintauchen. Es war wie ein Feentrick. Ich brauchte es nur zu schütteln und zu drehen – und schon bildeten sich in der Tiefe immer neue, buntglitzernde Muster voller Harmonie.

Wo mein Kaleidoskop letztendlich geblieben ist, weiss ich nicht. Wahrscheinlich ist es in der Truhe mit den Kinder-Spielsachen gelandet, die dann einmal unbesehen entsorgt wurde. Ich gab das OK dazu, denn ich glaubte damals, ERWACHSEN zu sein. Dafür sehe ich mich jetzt gezwungen, überall in die Kaleidoskope hineinzuschauen, wo auch immer sie aufliegen. Aber ich werde jedes Mal enttäuscht. Die Muster in den bunten Kartonröhren verändern sich nur noch bescheiden, und von der Magie bleibt somit nicht mehr viel übrig. Sind die Dinger wohl heute nur noch so simpel ausgestattet? Oder fehlt mir der kindliche Blick?

Marianne Kunz-Jäger

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